Zur Rolle des Chorleiters / der Chorleiterin in der modernen Gesellschaft Namibias und deren Chormusikszene

Zur Rolle des Chorleiters / der Chorleiterin in der modernen Gesellschaft Namibias und deren Chormusikszene am Beispiel von Rev. Eino Ekandjo und seinem Faleniko Evangeli Choir

Magisterarbeit an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, 2007

Feldforschung





Die Rolle des/der Chorleiters/in in der modernen Gesellschaft Namibias ist von vielschichtigen Aufgabenbereichen geprägt, deren Zusammenhänge vor allem von offizieller Seite lange ignoriert wurden. Gerade im Bereich der Chormusik, wo durch Kontinuität und durch eine beständige Ensemblebesetzung eine Gemeinschaft heranwachsen kann, sind ChorleiterInnen im Idealfall Integrationsfigur, LehrerIn und Vorbild in einer Person.
Dieser holistische Ansatz geht jedoch von einer weiter gefassten Begriffsdefinition von ‚Chorleiterung‘ aus. Vielen MusikerInnen, die sich in der Arbeit mit Chören engagieren, ist die Komplexität ihrer Rolle in den verschiedenen sozialen Ebenen oftmals nicht bewusst, sodass viel Potential zur positiven Vorbildwirkung ungenutzt bleibt.

Musikalische Traditionen, wie die Hervorhebung des musizierenden Kollektivs gegenüber dem einzelnen Individuum, sind zwar mitverantwortlich für diese Sichtweise, sie verhindern jedoch auch bis zu einem gewissen Grad die zur Gemeinschaftsentwicklung mögliche Art der kontraproduktiven Selbstdarstellung von ChorleiterInnen. Der traditionelle Ansatz, dass Lieder erst im ‚gemeinsamen Musizieren‘ ihren tieferen Sinn erhalten können, zeugt von der Notwendigkeit des ‚Teil‘-Nehmens jedes Einzelnen an der Musik. Gerade die Chormusik kann durch seine hybride Form diese afrikanischen, sozio-musikalischen Traditionen mit westlicher Chormusik verbinden. Die aus dieser „musikalischen Evolution“ (vgl.: de Beer, 2006) entstandene afrikanische Chormusik trägt seit Jahrzehnten zur neuen Identitätsfindung der BürgerInnen Namibias bei. ChorleiterInnen als ChorgründerInnen, als Verantwortliche für die Aufnahme neuer Mitglieder, als OrganisatorInnen und Ansprechpersonen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Chores, als musikalische LeiterInnen bei Proben und Auftritten sowie als JurorInnen bei Wettbwerben tragen wesentlich zu dieser Identitätsfindung bei.

Die Möglichkeit zum musikalischen Austausch der verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb eines Chores ist ein weiterer wichtiger Aspekt, durch den NamibierInnen im gegenseitigen Von-einander-lernen und Verstehen gemäß dem Ziel „Unity in Diversity“ zusammenwachsen können. Diese Vielfalt wird bereits vor allem in den verschiedenen Jugendchören Namibias praktiziert. Ihre ChorleiterInnen haben meist auch eine klassische, theoretische Musikausbildung entweder durch andere ChorleiterInnen oder in Form einer tertiären Unterweisung an einem College oder einer Universität absolviert. Erst dadurch sehen sich viele ChorleiterInnen in der Lage, andere Musikkulturen verstehen und schätzen zu lernen und in der Wahl des Repertoires über die Grenzen der eigenen Musikkultur hinauszusehen. Dieses Knowhow ermöglicht es schließlich den ChorleiterInnen, den interkulturellen Austausch innerhalb der Chöre auf professionellem Niveau aktiv zu fördern. Als Folge davon wird auch in der Öffentlichkeit und in den Medien diese positive Arbeit vermehrt wahrgenommen und dementsprechend ein größeres Interesse der Wirtschaft zur finanziellen Unterstützung dieser Entwicklung entfacht.

Chormusik begeistert Jugendliche genauso wie Erwachsene, sodass gut ausgebildete ChorleiterInnen in der Zusammenarbeit mit allen Generationen eine entscheidende und zukunftsweisende Rolle innerhalb der Gesellschaft Namibias einnehmen können.
Feldforschung
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